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  Critics cleines Blog - wie die amerikanische Axt im Waldi
Ich wollte wirklich nichts über das Gesuppel zu Frau Hegemann schreiben. Sie ist mir egal, als Mensch und als Schriftstellerin, und ich würde ihr Verhalten einfach unter J wie Jugenddummheit abheften. Denn mindestens dumm ist nicht nur, was sie getan hat, sondern auch wie sie auf die Kritik reagiert hat. Aber was soll man von einer Siebzehnjährigen erwarten, wenn die Redaktionsopas Elogen in ihre medialen Bärte mümmeln, weil sie zu verklemmt sind, sich den Schulmädchenreport - Was Eltern nicht für möglich halten anzu- schauen? Eben.

Leider kann ich nicht den Auftritt von Durs Grünbein ignorieren. Büchner-Preisträger Grünbein, wie die FAZ nicht müde wird zu betonen. Der stellt fest, daß das Plagiat gar keine Frage des Rechts und erst recht keine der Gesinnung ist, sondern eine Frage des persönlichen Überwältigtseins. Da hat er aber der Content- verwertungsindustrie eine mächtige Schlappe in der Frage nach dem Urheberrecht geschlagen! Zu dumm wiederum für Robert Henderson, daß sein Richter Fernando J. Gaitan offensichtlich nicht ausreichend überwältigt war und ihn für das Abfilmen von The Dark Knight zwei Jahre ins Gefängnis steckte. Durs Grünbein rät: Nächstes Mal sauberere Kopien produzieren, damit der Richter emotional ausreichend mitgenommen wird.

Aber gut. Von solch profanen Nichtigkeiten müssen unsere nationalen Superdenker wie Durs Grünbein nichts wissen. Schauen wir also auf den Text, das sollte doch wohl das Metier sein, mit dem Leute wie er sich auskennen. Der Plagiatsvorwurf sei nach Grünbein sinnlos, weil: "Es wäre genauso richtig und genauso sinnlos zu sagen, das Auge habe das Protoplasma bestohlen oder die Träne die Elemente, weil sie Chlornatrium enthält." Oha. Das sitzt. Helene Hegemann ist also Auge und Träne zugleich. Aber Protoplasma? Die letzten hundert Jahre verschlafen und deshalb ist der Begriff Zytoplasma nicht ganz so geläufig? Und selbst wenn: Was soll uns das sagen? Die plagiierten Stellen sind Hegemanns inhärenter Anteil gewesen, so wie das Zytoplasma Teil der Zellen des Auges ist? Ganz groß natürlich, wie einem en passant noch die neue chemische Nomenklatur vermittelt wird, nach der Natriumchlorid nun ein bißchen anders heißt. Da spielt es fast schon keine Rolle mehr, daß in der Tränenflüssigkeit das Salz in Lösung geht und deshalb Natrium- und Chloridionen, aber nicht Natriumchlorid, Entschuldigung, Chlornatrium darin zu finden ist.

Aber ich schweife ab, bleiben wir lieber bei den harten Fakten, "die ohne Raum und ohne Atem sind". Oder waren es doch nicht eher Sphären, die ohne Zeit und ohne Gedanken sind? Wer weiß das schon bei einem Buch, "das jenseits der Nachprüfung steht". Warum muß, ach, was sage ich da, darf man auf keinen Fall etwas hier nachprüfen? Genau: Weil "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird von der Inspiration einer großen Schöpferin". Kein Problem, daß vier Absätze vorher der Plagiatsvorgang noch als träge und tolpatschig bezeichnet wurde - he, ich bin Denker, ich kann mich doch nicht mehr daran erinnern, was ich vor zehn Minuten geschrieben habe! Viel eklatanter ist doch Grünbeins vollkommene Verkennung der Sprachbanalität, die sich zum Beispiel in Hegemanns Replik auf Buchmarkt artikuliert. Was da strömt und atmet, macht nämlich auch aus meiner Supermarktkassiererin eine große Schöpferin.

Offensichtlich haben sich hier zwei gesucht und gefunden. Man weiß nicht, ob Helene Hegemann es nicht letztendlich peinlich ist, wie sich Grünbein an sie ranwanzt. Aber er genießt ihre geistige Nähe. Vermutlich wegen Sätzen wie "Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf." Au fein, denkt sich Grünbein, das geht mir genauso. Schade nur, daß die Wohnung so leer ist.

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jean stubenzweig, Mittwoch, 24. Februar 2010, 13:32
Nur zur Information.

tschill, Mittwoch, 24. Februar 2010, 18:04
Ach, sieh an. Erst mal gelacht über die Aktion. Das doppelte Anführungszeichen ist mir schon aufgefallen und das altmodische Geschwallere ebenfalls.

Aber bei zweitem Nachdenken frage ich mich, was Grünbeins Text an Erkenntnis bringen soll. Die Plagiatrufer würden eh kein Plagiat erkennen? Ist wohl widerlegt. Der Plagiatsvorwurf in der Kunst ist alt? Und deshalb nichtig? Die Reaktion des Establishments darauf scheint sich nicht großartig geändert zu haben.

Am ehesten würde ich das als Späßchen um des Späßchens willen ansehen. Immerhin meint er es nicht ernst. Hätte schlimmer kommen können.

jean stubenzweig, Mittwoch, 24. Februar 2010, 21:57
Ich habe tatsächlich ein klein wenig das Gefühl, daß es etwas tiefer geht als um eine intellektuelle Nasführerei. Ein wenig kokelt mir aus diesem bennschen Köhlerhaufen zu sehr der Odem des Elitären hervor. Daß der Plagiatsvorwurf damit nichtig sei, dürfte nicht die Zielrichtung gewesen sein, eher die Verführung, anschließend sagen zu können, da seht ihr mal, ihr Doofköppe, wer von der Sache wirklich etwas versteht, ihr jedenfalls nicht. Und in gewisser Weise haben sie damit recht behalten, denn auf den Hinweis eines Lesers bzw. Kommentators auf Benn beispielsweise, ein kritischer in der Sache an sich zudem, wurde eigentlich nicht eingegangen. Andrea Diener hat sogar geschäumt. Aber die ist auch Anglistin ...

Wer keine Bücher bzw. die Sprache aus zurückliegender Zeit kennt, sollte also nicht darauf kommen, gleichwohl das Pathos in eindeutiger, auch eigenartiger Weise blubberte – denn so schreibt heutzutage kein Mensch, auch nicht Durs Grünbein. Damit dürfte eine Art (Bildungs-)Exempel statuiert worden sein, mit dem lediglich nebenbei bewiesen werden sollte, daß die Thematik so neu auch wieder nicht ist. Wenn man so will, war es möglicherweise eine Art Ehrenrettungsversuch der Branche. Er dürfte kaum gelungen sein. Aber ein Späßchen war's durchaus.

Nachtrag 0 Uhr 42: Offenbar hatte ich ein bißchen recht. Allerdings scheint die Angelegenheit nun, wie ich im nachhinein feststellen muß, ins Fahrwasser einer gewissen Ernsthaftigkeit geraten zu sein.

tschill, Donnerstag, 25. Februar 2010, 11:41
Mal abgesehen von seiner Durchblickerattitüde - ganz schlimm ist doch wohl dieser Absatz:

"Fällt eigentlich niemandem auf, was für ein hässlicher Biodiskurs das Ganze ist? Der wahre Rassismus tobt sich augenscheinlich heute zwischen Jung und Alt aus, zwischen vitalen Welpen und kulturkonservativem Friedhofsgemüse. Wenn man so weitermacht, hat man bald den schönsten publizistischen Bürgerkrieg."

An dem stimmt ja mal gar nichts. Der wahre Rassismus ist immer noch Rassismus. Das Gros der Welpen ist heute wieder extrem konservativ. Und wenn Grünbein mal was über Bürgerkrieg erfahren will - wie wäre es, mal aus der Bücherburg rauszukriechen und meinetwegen Leute in Somalia oder auf den Philippinen zu befragen? Das würde das Koordinatensystem mal wieder etwas richten.

Gut hingegen der Teil über die Veränderungen der Textkategorien in der Moderne. Da könnte er sich als Durchblicker beweisen.

(Im übrigen: Ich sehe auch in diesem Interview einen Hang zum schwülstigen Geschwallere. Nicht so schlimm wie bei Benn, natürlich.)