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Im letzten Science-Magazin, einem der beiden größten Zeitschriften für die interdisziplinäre wissenschaftliche Kommunikation, ist ein Artikel zu den Auswirkungen der Online-Verfügbarkeit von Zeitschriftenartikeln zu finden. Im Gegensatz zu der Erwartung, daß man nun mehr Möglichkeiten hätte, sich Zeitschriftenartikel zu besorgen, und sich ergo breiter und umfassender informieren könnte, kommt der Science-Artikel zum Schluß, daß weniger und vor allem nur noch jüngere Artikel zitiert würden. Es käme also durch die Einführung der Online-Zeitschriften mehr und mehr zu einer Art wissenschaftlichen Tunnelblick.

So interessant Evans' These, der ich weitestgehend als Zeitphänomen zustimmen würde, auch ist, so angreifbar ist ihre Beweisführung. Zuallererst, weil sie indirekt ist. Sie zeigt eine Korrelation zwischen Aufkommen der Online-Journale und zeitlicher/thematischer Fokussierung der Zitierung in wissenschaftlichen Beiträgen. Dies ist nicht schlüssig im Sinne eines Kausalzusammenhanges. Nimmt man den Abstand Sonne – Alpha Centauri der letzten hundert Jahre und setzt das in Beziehung zur Menge des erzeugten Stromes auf der Erde, so ergibt sich eine feine Korrelation. Nichtsdestotrotz ist die Stromerzeugung nicht von der Ausdehnung des Weltalls direkt beeinflusst, sondern beides sind einfach Phänomene der Zeit. So ähnlich ist es imho auch mit der Verengung wissenschaftlicher Zitierweise. Andere Ursachen als die Einführung der Online-Journale sind für diese veränderte Zitierweise verantwortlich, sie treten nur zeitgleich mit dieser Einführung auf.

Ein wesentlicher Aspekt ist sicherlich die zeitgleiche Einführung von Suchmaschinen für Datenbanken, die schnelleren Zugang zu den Artikeln als früher ermöglichen. Wer sich außerdem heutzutage in einem Gebiet neu einarbeitet, macht sich nicht die Mühe, die Basisliteratur zu lesen, sondern nimmt den erstbesten (i.e. in der Reihenfolge der Präsentation: den jüngsten) Review zur Hand, der natürlich auch den Fokus auf die jüngsten Artikel legt.
Ein anderes Phänomen ist die Inkonstanz der wissenschaftlichen Nomenklatur. Wenn ich heute einen Artikel zu einem bestimmten Protein suche, dann werde ich die älteren Basisarbeiten gar nicht mehr finden, da sich zwischenzeitlich die Bezeichnung desselben Eiweißmoleküls dreimal verändert hat. Ein richtiggehendes Problem, da damit auch Wissen verloren geht und wieder neu erarbeitet werden muß.
Den größten Einfluß auf die von Evans beschriebenen Prozesse würde ich aber in gesellschaftlichen Prozessen sehen. Zum einen wird vermehrt die Güte eines Artikels nicht an seinem Inhalt gemessen, sondern an der Beliebtheit der Zeitschrift, in der sich der Artikel befindet. Diese Beliebtheit drückt sich im sogenannten Impact Factor aus, der den Forschern bekannt ist. Sie werden also versuchen, in Zeitschriften zu veröffentlichen, die hohe Impact-Faktoren haben und auch vor allem Artikel dieser Zeitschriften zitieren, um die Bedeutsamkeit der eigenen Arbeit zu untermauern. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken, wenn, wie bereits abzusehen, statt des Impact-Faktors der Citation-Index zur Bewertung der wissenschaftlichen Arbeit herangezogen wird. Dabei wird berechnet, wie häufig eine Arbeit zitiert wird. Logisch, daß kleine Gebiete, auf denen nur zehn Leute arbeiten, keinen gleichwertigen Citation-Index erzielen können wie jene Wissenschaftler, die in einem Feld mit zehntausend anderen Wissenschaftlern arbeiten. Ein Aussterben jener Gebiete, durch den niedrigen Citation-Index als "uneffektiv" gelabelt, ist voraussehbar. Tschüß, Astrophysik.
Man sollte auch nicht vergessen, daß die Forscher für ihre Finanzierung selbst sorgen müssen. Es mag für die Menschheit eventuell hilfreich sein, wenn eine seltene vererbbare Muskelkrankheit beforscht wird und man darüber Einsichten in Funktionsweisen bestimmter Proteine erhält, die man andernfalls gar nicht entdeckt hätte. Aber die Chance dafür wird in Zukunft geringer sein, weil die finanziellen Mittel für Forschung während der letzten Jahre in den großen Industriestaaten beschnitten wurden. Also überlegt sich der clevere Forscher im Vorfeld, wie groß die Chance ist, daß jemand in der Kommission Geld für diese seltene Muskelkrankheit rausrücken wird. Letztendlich wird er also lieber auf das sichere Pferd setzen und sich ein Thema in einem großen Gebiet aussuchen. Ganz autark und doch weitestgehend durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten gesteuert.

Eine herbe Enttäuschung, daß alle diese Aspekte in dem Science-Beitrag vollständig ausgespart bleiben und stattdessen digitale Maschinenstürmerei von einem Soziologen betrieben wird. Aber vermutlich kann man auch für diese Entwicklung eine hochsignifikante Korrelation zur Häufigkeit der Internetnutzung erstellen.

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